Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!

Viel Spaß mit meiner Weihnachtsgeschichte (die darf gerne weiterverschickt werden, wenn mein Autorennamen im Dokument erhalten bleibt)


Jonathan und Noa

Es war an einem kalten Wintertag. Das Licht wich allmählich der Dämmerung, die den Horizont in ein seltsames Leuchten verwandelte. Das Hellblau des Himmels vermischte sich dort, wo kurz zuvor die Sonne untergegangen war, mit einem leuchtend kräftigen Rot und an dessen oberen Rand waren Spuren von Violett sichtbar, die langsam ist das Tiefblau der hereinbrechenden Nacht übergingen. Dort, wo der Himmel schon dunkler war, wurden die ersten Sterne sichtbar.

Den ganzen Tag schon waren unzählige Menschen, jung und alt auf dem Weg in die Stadt mit ihren Wagen oder zu Fuß  an dem Feld vorbeigezogen, auf dem Noa mit seinen Geschwistern spielte. Immer wieder schaute Noa hoch und beobachtete die Gruppen, die offenbar alle nur ein Ziel kannten. Noas Mutter rief und alle rannten in ihre Richtung – bis auf Noa. Sie hatte sich neben einen Busch auf das Feld gelegt und schaute abwechselnd zum Weg mit den Menschen und hinauf zum Firmament mit dem von ihr noch nie beobachteten Farbenspiel.

Jonathan kam schnüffelnd in die Nähe des Busches und entdeckte Noa. „Hast Du nicht gehört? Deine Mutter hat gerufen!“, bellte er und bemühte sich um einen tiefen und ernsten Unterton in seiner jungen Stimme. Er trat näher und stolperte dabei wieder einmal tollpatschig über seine eigenen Beine.

„Ach du bist’s“, kicherte Noa und hob den Kopf kurz von den ausgestreckten Vorderbeinen und legte ihn schief.
„Grrr – Wau“, antwortete Jonathan mit kindlich quietschender Stimme, bemüht, weiterhin autoritär aufzutreten. Er tapste einen Schritt weiter auf Noa zu und biss ihr ins Ohr.
„Lass dass“, tadelte Noa und wackelte schnell mit beiden Ohren, „Du sollst mich nicht immer vollsabbeln.“
„Was machst Du hier?“, fragte der kleine Hirtenhund und ließ sich neben dem Lamm auf das Gras plumpsen.
„Weiß nich’“, antwortete Noa, „Schau’ doch nur wie viele Menschen auf dem Weg in die Stadt sind. Das geht schon den ganzen Tag so.“
„Na und?“
„Und ist dir aufgefallen, dass der Himmel heute Abend ganz anders aussieht als sonst? Sieh doch nur die vielen Farben.“
„Klar!“, schwindelte Jonathan und rutschte näher an das Schaf heran. Er war zwar der Mann, aber Noa hatte eindeutig dass wärmere Fell und der Wind blies eisig.

So lagen die beiden eine Weile nebeneinander und vergaßen die Zeit. Es wurde dunkler und dunkler und die Nacht wurde nur noch durch die Sterne und die Lichter an den vorüber ziehenden Wagen erhellt.

Noas Mutter macht sich langsam Sorgen. Als ihr jüngstes Lamm nicht mit den anderen Geschwistern gekommen war, als sie gerufen hatte, da hatte sie sich noch nichts dabei gedacht. Noa war immer etwas langsam und trödelte herum. Dann hatte sie Jonathan losgeschickt, Noa zu suchen. Nun waren beide verschwunden und sie blökte Jonathans Vater an: „Los, nun such die beiden endlich. Es ist schon dunkel. Schließlich ist das deine Aufgabe.“

Der Hirtenhund kläffte das Schaf auf seine brummelige Art an. Den ganzen Tag war er umhergelaufen und hatte die Herde zusammengehalten. Langsam war er müde und er wollte sich am Lagerfeuer in der Nähe des Stalls ausruhen und aufwärmen. Widerwillig hob er die Nase und trottete schnüffelnd in die Richtung, in der sein Jüngster verschwunden war. Kurze Zeit später war er in der Dunkelheit verschwunden. Immer wieder blieb er kurz stehen, spitzte die Ohren und schnüffelte an dem einen oder anderen Grashalm, um die Fährte seines Sprösslings aufzunehmen.

Noa und Jonathan beobachteten derweil interessiert ein helles Licht, das sich am Nachthimmel deutlich von allen anderen Sternen abhob und welches immer näher kam. Es bestand aus einer leuchtenden Kugel, die einen glühenden Schweif aus Goldstaub hinter sich herzog.
„Was ist das?“, fragte Jonathan. „Ein brennender Stern?“
„Brennender Stern – Du spinnst“, erwiderte Noa meckernd, „so was gibt es doch gar nicht.“
Nun schien es, als ob das seltsame Licht direkt über ihren Köpfen zum stehen gekommen war.
„Nun, so dumm ist die Erklärung nicht“, brummte Jonathans Vater, der hinter die beiden Ausreißer getreten war.
Die beiden sprangen hoch und als sie den alten Hirtenhund erkannt hatten, wich der erste Schrecken der Neugier.
„Was ist das denn für ein Licht“, fragte Noa.
„Das ist ein Komet. Ein Himmelskörper, dessen Bahn unsere Welt kreuzt und der sich so schnell bewegt, dass der Staub, den er auf seiner Reise verliert, zu glühen beginnt.
„Siehste!“, brüstete sich Jonathan und zog sich einen tadelnden Blick seines Vaters zu. Der legte den Kopf schief und stupste seinen Sohn mit der Schnauze in Richtung Heimat. Noa fuhr er liebevoll mit seiner langen Zunge über die Stupsnase. Für einen Hirtenhund war er im Grunde viel zu gutmütig. Noa schüttelte sich und schlug schnell mit den Ohren. „Lass das“, blökte sie leise und folgte den beiden. Es begann zu schneien. Leise und ganz langsam fiel Schneeflocke um Schneeflocke vom Himmel herab und das kurze Heidegras wurde in Minuten von einer weißen Schicht aus blütenweißem Schnee überzogen. Jonathan versuchte immer wieder, eine Schneeflocke mit der Schnauze zu fangen und achtete wieder einmal nicht auf den Weg zu seinen Füßen.

Er stolperte über seine eigenen Pfoten und landete Kopfüber in einer Kuhle mit frischem Schnee. Noa stieß ein langes Meckern aus und lachte. Jonathans Vater schüttelte den Kopf, packte den Welpen mit der Schnauze an seinem Genick und zog ihn mit einem Ruck aus der kleinen Schneewehe und setzte ihn wieder auf die Beine. Jonathan schüttelte sich und nieste herzhaft. Dann musste auch er lachen.

Hinter dem nächsten Busch tauchten das Lagerfeuer und der einfache Holzstall vor ihnen auf. Die Herde drängte sich nah an dem Lager zusammen und vereinzelt konnte Noa das Blöken der Verwandtschaft vernehmen. Jonathans Vater hielt kurz inne und schaute auf den Stall, das Lager und die Herde. Der Stall war hell erleuchtet. Genau über dem alten Holzverschlag schien der Stern mit dem leuchtenden Feuerschweif stehen geblieben zu sein und illuminierte nun die verschneite Szenerie. Zwei Hirten saßen an dem großen Lagerfeuer und wärmten sich. In der Hand hielten sie Becher mit heißer Suppe. Auch sie schauten zum Stall, der so eigenartig leuchtete und strahlte.

„Was ist Papa?“, fragte Jonathan und stupste den alten Hund mit der Schnauze an seinem Vorderlauf an. „Weihnachten“, sagte der alte Hirtenhund mit belegter Stimme. „So muss es auch damals vor über 2000 Jahren gewesen sein“, erklärte er und bugsierte die beiden mit der Nase in Richtung Lagerfeuer, wo schon Noas Mutter wartete. „Erzähl!“, riefen die beiden Kinder fast zeitgleich und setzten sich erwartungsfroh auf ihre Hinterbeine. Noas Mutter nickte dem Hirtenhund aufmunternd zu und er ließ sich direkt am Feuer nieder und begann zu erzählen. Alle rückten näher zusammen und lauschten, was er von damals zu berichten wusste.

Es schneite weiter, doch niemand spürte die Kälte, denn die Nacht war hell und freundlich. Von Ferne hört man den Glockenklang einer Kirche und von dem Weg, der zur Stadt führte, konnte man immer noch das ein oder andere Auto hören, das seine Insassen am Heiligen Abend nach Hause brachte.

„Weihnachten“, seufzte Noa gedankenverloren und vergrub den Kopf in Jonathans Fell, der leise schnarchte.

Thomas Käfer, Würselen, Weihnachten 2007
 

 

© 2006-2009 by Thomas Käfer - Stand 05.01.2009